Kurdistan, IS und die Ratlosigkeit der Antifa

Seit Monaten spitzt sich die Lage im Nahen Osten zu. Die islamistische Terror-Organisation „Islamischer Staat“ weitet ihr selbst aufgerufenes Kalifat in Syrien und Irak dank militärischer Überlegenheit und mittels äußerster Brutalität immer weiter aus. Tausende Kilometer entfernt nehmen wir diese Entwicklung mit großer Sorge wahr. Gleichzeitig müssen wir uns aber auch eingestehen, dass unsere Reaktionen von einer großen Plan- und Ratlosigkeit bestimmt sind.


Zum einen wissen wir nicht, wie wir die Menschen in den betroffenen Regionen unterstützen können, die von den Islamisten entweder direkt verfolgt und massakriert werden oder wie wir jenen helfen können, die dort, wo der „Islamische Staat“ schon zur lebensweltlichen Realität geworden ist, dem religiösen Tugendterror zum Opfer fallen. Neben Spendensammlungen für eine humanitäre Nothilfe im kurdisch-syrischen Kanton Kobane haben einige Antifa-Gruppen auch einen Aufruf gestartet, um Geld für Waffen zu sammeln, die jenen zugute kommen sollen, die sich den Islamisten militärisch widersetzen und nicht von Waffenlieferungen verschiedener Staaten profitieren können, weil sie selbst als linke Terror-Organisationen eingestuft sind.
Zum anderen müssen wir aber auch zur Kenntnis nehmen, dass die Zuspitzung der Lage im Nahen Osten auch hierzulande zu einer erheblichen Radikalisierung von Konflikten mit Islamisten bzw. IS-Sympathisanten führt. Deren Übergriffe wie in Herford und deren paramilitärischen Aufmärsche wie in Hamburg und Celle überschreiten unserer Ansicht nach das Gewalt- und Mobilisierungspotenzial hiesiger Neonazis um Längen.

Und so stellt sich uns als klassisch autonome Antifa auf der einen Seite die Frage, inwiefern eine Fokussierung auf deutsche Nazis überhaupt noch Sinn macht, auf der anderen Seite müssen wir uns auch eingestehen, dass das Antifa-Konzept den Islamisten bisher so gut wie gar nichts entgegensetzen konnte. Antifaschistische Massenmilitanz, wie sie bei den Aufmärschen der mit Macheten, Knüppeln und Messern bewaffneten Terror-Freunden absolut angebracht wäre, ist in Deutschland zur Zeit keine realisierbare Option, weil sowohl Masse als auch Militanz fehlen. Aber auch die sonst so schlagfertigen Antifa-Sportgruppen scheinen entweder nicht willens, zu intervenieren, oder mangels Kenntnis über die lokalen Strukturen der Islamisten in ihren Städten an ihre Grenzen zu stoßen.

Insgesamt können wir für uns also nur eine Ratlosigkeit feststellen, wie man mit den Apologeten des politischen Islams in nah und fern als Antifa umgehen kann. Unserer Beobachtung nach hat aber bisher auch keine andere bundesdeutsche Antifa eine sinnvollen Umgang mit dem Konflikt gefunden, den wir vorbehaltlos unterstützen würden. Dieses Communique soll kein elaborierter Text zur Analyse des Verhältnisses von Antifa und Islamismus sein. Denn offen gestanden sind wir von dem Besserwisser-Habitus, der aus vielen Szene-Texten spricht, ziemlich angenervt. Wir wissen schlicht nicht, was wir der lokalen Präsenz der Islamisten entgegenzusetzen haben und wie wir fortschrittliche Kräfte im Nahen Osten angemessen unterstützen können. Dieser Text ist daher vor allem auch als Diskussionsangebot und -aufforderung an andere Linke zu verstehen. Wer an einen Ideen- und Meinungsaustausch interessiert ist, kann uns gerne kontaktieren.

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