Fluchtursachen im Fokus

In Kooperation mit der Volkshochschule Essen lädt die Antifa Essen Z im Januar und Februar 2016 zu einer vierteiligen Vortragsreihe zum Thema Fluchtursachen ein.

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19. Januar: Flüchtlingskrise und Willkommenskultur
Referent: Prof. Dr. Arian Schiffer-Nasserie, EFH Bochum

26. Januar: Strukturelle Hintergründe von Flucht und Migration aus Afrika
Referent: Olaf Bernau, Afrique Europe Interact

2. Februar: Fluchtsachen in den Balkan-Staaten
Referent: Max Brym, Betreiber des Online-Portals „Kosova aktuell“.

9. Februar: Die Flüchtlinge aus dem Nahen Osten. Warum gerade jetzt?
Referent: Dr. Oliver Piecha, Wadi e.V.

Alle Veranstaltungen finden um 19.00 Uhr in der Volkshochschule Essen (Burgplatz 1, Nähe Hauptbahnhof) statt, der Eintritt ist kostenlos.

 

Fluchtursachen im Fokus – zu den Hintergründen der aktuellen Flüchtlingsbewegungen

Kein Thema hat in den vergangenen Monaten für so breite Diskussionen und Debatten gesorgt wie die Ankunft hunderttausender Flüchtlinge in Westeuropa. Die Debatte wurde von Schlagworten wie „Willkommenskultur“ oder „Grenzen der Hilfsbereitschaft“ dominiert, viel ist diskutiert worden über Obergrenzen, Aufnahmelager und Transitzonen. Ein Aspekt, der dabei überraschend wenig Aufmerksamkeit erfahren hat, sind die Ursachen der massiven Fluchtbewegungen, die wir momentan in zahlreichen Regionen der Welt beobachten können. Zweifellos spielen politische Gewalt und ökonomische Perspektivlosigkeit in vielen Fällen eine entscheidende Rolle. Doch wie stellt sich die Situation in den Herkunftsregionen der Flüchtlinge konkret dar und welchen Beitrag leisten Deutschland und die anderen europäischen Staaten zu den Verhältnissen, die Menschen weltweit massenhaft in die Flucht treiben?

In unserer Veranstaltungsreihe, die vom 19. Januar bis zum 9. Februar 2016 jeweils dienstags um 19.00 Uhr in der Volkshochschule Essen stattfindet, wollen wir uns mit diesen Fragen auseinandersetzen. Eingeladen haben wir vier Referenten, die uns über die politische und gesellschaftliche Lage in den Herkunftsregionen der Flüchtlinge informieren, aber auch der Frage nachgehen, was Flucht und Migration mit der herrschenden Weltwirtschaftsordnung und der Politik westlicher Staaten zu tun haben.

 

19.01.2016
Flüchtlingskrise und Willkommenskultur – „Am deutschen Wesen soll die Welt genesen?“

Flüchtlingskrise und Willkommenskultur – „Am deutschen Wesen soll die Welt genesen?“
Angesichts der seit August 2015 ausgerufenen „Flüchtlingskrise“ herrscht in Deutschland helle Aufregung: Politiker und Parteien streiten über den künftigen Umgang mit der unerwünschten Zuwanderung. Und die Bundesbürger/innen tun ihr Bestes, um ihr Land in dieser schwierigen Lage zu unterstützen. Die einen schnüren Willkommenspakete und begrüßen „Refugees“ klatschend an Bahnhöfen, die anderen sagen „Nein zum Heim“ oder zünden letztere gleich an. Bei so viel patriotischem Tatendrang erscheinen Fragen nach den globalen Fluchtursachen, den Zielen der europäischen Flüchtlingspolitik und den Gründen für ihr offizielles „Scheitern“ (A. Merkel) eher nebensächlich. Völlig ungeklärt bleiben die Gründe für die neue deutsche Flüchtlingspolitik der Bundesregierung und ihre widersprüchliche Willkommenskultur.

Im Vortrag sollen unter anderem folgende Thesen erläutert und begründet werden: „Flüchtlingskrise“ herrscht 2015 in Europa nicht, weil massenhaft Menschen fliehen müssen und viele dabei ums Leben kommen. „Flüchtlingskrise“ vermeldet die EU und besonders Deutschland, weil es Flüchtenden neuerdings massenweise gelingt, ihre Grenzen zu überwinden. Dass so viele Menschen weltweit auf der Flucht sind, ist Ausdruck der politischen und ökonomischen Weltlage und zeugt von ziemlich viel Zerstörung a) in den Herkunftsstaaten, b) den Anrainer- und Transitländern und c) in den EU-Staaten Süd- und Osteuropas. Die Bundesrepublik Deutschland und ihre Unternehmen sind daran nicht unbeteiligt. „Gescheitert“ (A. Merkel) ist die bisherige europäische Flüchtlingspolitik insofern, dass die Opfer der globalen Wirtschaftsordnung und westlicher Weltordnungskriege nicht mehr wie bisher durch Rücknahmeabkommen und das Dublin-Verfahren zuverlässig von Kerneuropa ferngehalten werden. Auf dieser Grundlage richtet die Bundesregierung  ihre humanitäre Flüchtlingspolitik neu aus: Willkommenskultur und Aufnahmebereitschaft einerseits und die Verschärfung der Abschottungspolitik gegenüber Flüchtenden andererseits bilden dabei nur einen vermeintlichen Widerspruch. Denn beide sind unverzichtbar für die innere Ordnung und die äußeren Ansprüche einer global erfolgreichen Nation…

Der Referent Prof. Dr. Arian Schiffer-Nasserie ist Hochschullehrer für Migrationspolitik an der Evangelischen Fachhochschule Bochum.

 

26.01.2016
Strukturelle Hintergründe von Flucht und Migration aus Afrika

Angesichts der in die Höhe geschnellten Flüchtlingszahlen ist derzeit wieder viel von „Fluchtursachen“ die Rede, die es zu „bekämpfen“ gelte, um die Probleme wirklich bei der Wurzel zu fassen. Das klingt gut, ist aber aus dem Munde der offiziellen Politik grotesk, bisweilen auch heuchlerisch. Denn die EU präsentiert sich gerne als Feuerwehr, wo sie doch selbst allzu häufig als Brandstifterin agiert – gerade in zahlreichen Ländern Afrikas. Die Menschen kommen nicht aus Abenteuerlust, sondern weil ihre Existenzgrundlagen zerstört werden – ob durch Ressourcenkonflikte, Landgrabbing, ungleiche Handelsbeziehungen oder verschuldungsbedingte IWF-Strukturanpassungsprogramme. All dies ist Ergebnis politisch-ökonomischer Macht- und Dominanzverhältnisse, in denen Europa seit kolonialen Zeiten am Drücker sitzt, nicht selten im Ping-Pong mit korrupten, machtversessenen und undemokratischen Eliten im Süden des Globus. Dies und Anderes soll in der Veranstaltung thematisiert werden – einschließlich der Frage, wie wir von Europa aus mit sozialen Bewegungen in Afrika praktisch zusammen arbeiten können.

Der Referent Olaf Bernau ist in der Initiative NoLager Bremen und dem transnationalen Netzwerk „Afrique-Europe-Interact“ aktiv.

 

02.02.2016
Fluchtursachen in den Balkan-Staaten

Welche Rolle spielen Privatisierungen bei der Verelendung breiter Bevölkerungsschichten am sogenannten Westbalkan und wer profitiert davon? Wie kann den Menschen in diesen Regionen wirklich geholfen werden und was müsste auch deutsche Politik tun, um die Lage der Menschen vor Ort zu verbessern und auch für menschenwürdige Bedingungen zu sorgen? Was heißt Solidarität mit den Menschen in Osteuropa und was heißt Bekämpfung von Fluchtursachen? Ist die Bundesregierung gemeinsam mit der EU wirklich willens, die Verhältnisse in Osteuropa zu verbessern oder geht es ihr nur um die Durchsetzung ihrer eigenen Interessen und wirtschaftspolitischen Konzepte mit all ihren Auswirkungen? Viele Politikerinnen und Politiker lenken von den Fluchtursachen ab. Statt vom Massenelend, zum Beispiel in Kosovo, zu reden oder gar dessen Ursachen zu analysieren, werden Flüchtlinge häufig verunglimpft und ausgegrenzt. Offen ignoriert wird dabei auch die spezielle rassistische Verfolgung der Roma im Kosovo, in Albanien, Montenegro und Serbien.

Der Referent Max Brym ist Geschichtsdozent, Buchautor und Betreiber des Online-Portals „Kosova-Aktuell“

 

09.02.2016
Die Flüchtlinge aus dem Nahen Osten: Warum gerade jetzt?

Die Flüchtlinge, der Krieg zwischen Euphrat und Tigris und die Ruinen des alten Nahen Ostens. Ein Crashkurs über die Herkunft unserer neuen Mitbürger.

Der Nahe Osten als Krisenregion steht mit der Eskalation der Flüchtlingsproblematik einmal mehr im Zentrum der Aufmerksamkeit. Aber ob es um Kurden, Yesiden, Schiiten oder Sunniten, Alawiten oder Aleviten geht, um neue und uralte Konfliktlinien, das Schicksal der Minderheiten oder die regionalen Machtinteressen: Das nahöstliche Terrain erscheint vielen als unendliches Rätsel. Aber Rätsel kann man auflösen. Der Nahe Osten verändert sich grundlegend. Die jungen Demonstranten des „Arabischen Frühlings“ haben kurzzeitig die Hoffnung verbreitet, dass anstelle von Diktaturen über Nacht Demokratien sprießen würden. Dreieinhalb Jahre später beherrschen verstörende Bilder von Gotteskriegern die Nachrichten. Was ist „da“ eigentlich los? Der Vortrag stellt einerseits die zentralen Konfliktparteien und Interessengegensätze im Nahen Osten dar und lässt vor diesem Hintergrund die Dynamik der großen Fluchtbewegung aus Syrien in Richtung Europa seit dem Spätsommer 2015 verständlicher werden. Der aktuellen Entwicklung soll ebenso Raum gegeben werden wie einer Erklärung von Fluchtgründen.

Der Referent Dr. Oliver M. Piecha ist Historiker, er schreibt regelmäßig über den Nahen Osten in Tageszeitungen, ist Mitbegründer der seit über 20 Jahren in der Region tätigen deutsch-irakischen Hilfsorganisation WADI e.V. und Mitarbeiter einer Kampagne gegen weibliche Genitalverstümmelung im Nahen Osten.

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